Ein Viren-Märchen von Ulrich Hansen
Auf der großen Festplatte war alles dunkel und still, reglos erwarteten die abgelegten Dateien den Morgen. Fluoreszierende Kriechströme woberten über die geparkte Platte, trieben über freie, belegte und fehlerhafte Sektoren bis hin zum Bootsektor, wo eine behäbige, rundliche FAT röhrend schnarchte, einen Berg von Tabellen und Listen unter dem dicken, müden Kopf.
Weit von diesem Sektor entfernt, auf der anderen Seite der Platte und von den übrigen Schläfern durch eine große Zahl unbelegter Plätze getrennt, beleuchtete heimlich ein fahler Lichtschein die wilden Gesichter von fünf jungen Programmen. Gut gepolstert lagerten sie auf Overlay-Files und genossen die Wärme einer verbrennenden Datei.
"Wo ist Michelangelo?" fragte die dunkelhaarige Vacsina, die mit angezogenen Knien unter ihrer Decke kauerte.
Ihr Gegenüber, Stoned, gab keine Antwort, sondern stieß nur gedankenverloren nach Weihrauch duftenden Atem aus.
"Give a little bit..." summte er leise.
""Er wartet wie immer auf den 6. März" antwortete Burger, der gleich neben ihr saß. An allen anderen Tagen war mit diesem italienischen Virus nicht viel los.
Der junge Paris und die sechzehnjährige June lächelten leicht. In Stoneds backenbärtigem Gesicht war keine Änderung zu sehen, während er zwischen langen Haarsträhnen nach oben blickte, tief in das schwarze Nichts hinein, bis er in seiner Versunkenheit meinte, im tiefsten Dunkel einen Schimmer des mystischen Schreib-Lese-Kopfes erkennen zu können.
"Erzähl uns eine Geschichte!" bat June Paris. Sie konnte das nächtliche Schweigen nicht mehr ertragen.
"Gute Idee!" fand Burger. Vacsina räkelte sich gemütlich in ihre Overlay-Datei und seufzte zustimmend. Stoned schwieg.
Als Paris in die Augen der
blonden June sah, überlegte er nicht lange: "Ich erzähle
euch die Geschichte von LittleBlue. Es ist die Geschichte eines
Virus, der keiner mehr sein wollte, und die Geschichte einer
Suche, weit über die Grenzen der bekannten Systeme."
"Wie aufregend!"
freute sich June.
"Wie romantisch!" Auch Vacsina war ganz Ohr.
Stoned, der die Geschichte schon kannte, legte eine neue bak-Datei nach, während Burger, Vacsina und June dem raunenden Paris lauschten.
"Einst lebte ein
frustrierter Programmierer, dem machte sein Auftraggeber soviel
Druck, daß er Tag und Nacht am Bildschirm sitzen mußte, damit
er seinen Job nicht verlor. Seine Frau und seine Kinder hatten
ihn schon längst verlassen und seit ein paar Tagen war auch sein
Hund Fido weggeblieben. Sehr einsam und auf der Suche nach einer
Ablenkung beschloß der Arme, es seinem Auftraggeber mit einem
besonders üblen und fiesen Computervirus heimzuzahlen. Er
programmierte schnell und sauber. Ein richtiger Killer sollte
dieser Virus werden! LittleBlue sollte er heißen."
Neben Burger raschelte es seltsam. Er wandte sich Vacsina zu und bemerkte, daß ihr unsichtbarer Freund, ein Stealth-Tarnkappen-Virus gerade angekommen war. Burger hörte wieder Paris zu.
"...der Virus war ein
Versager. LittleBlue schauderte, wenn er sich später an seine
Mission erinnerte. Gräßlich war es in dem System gewesen, in
das sein Programmierer ihn eingeschleust hatte. Mit bitterem
Antivirus versuchte man ihn zu vergiften; der Falle des grausamen
Dr. Solomon entrann er nur, um sofort von den bulligen Agenten
McAfee's gehetzt zu werden. Die verzweifelte Flucht führte durch
scharfe Schnittstellen und düstere Speichersegmente, um die
jedes ehrliche Programm einen Bogen macht. An den
Verzeichnisbäumen baumelten Programme, die sich aufgehängt
hatten vor lauter Grauen, und LittleBlue sah keinen anderen
Ausweg, als via Netz, verfolgt von gierigen Web-Crawlern, den
mühevollen Heimweg anzutreten.
Doch zu Hause war er unwillkommen...
Der Programmierer wollte ihn schon im Shredder zerfetzen, doch dann fiel ihm ein, daß er einem Bekannten aus dem Netz ein Killer-Utility für alte Dateien versprochen hatte und programmierte LittleBlue kurzerhand um.
Mühe gab er sich allerdings nicht mehr viel - er hatte inzwischen noch weniger Freizeit als früher - und wenn nicht vor kurzem der Nährlösungs- Tropf für EDV-Experten auf den Markt gekommen wäre, wäre er wohl arbeitslos geworden oder gestorben.
Sein Bekannter war General
Cluster, ein alter Militär und ARPANET- Veteran. Er knurrte
wohlwollend, als LittleBlue bei ihm eintraf; alle Unordnung war
ihm ein Greuel. Mit LittleBlue wollte er seine militärische
Abteilung von überflüssigem Daten-Ballast befreien.
Täglich nach dem Booten
mußte LittleBlue nun die ältesten und gebrechlichsten Dateien
suchen, die er finden konnte und sie markieren. Dabei ging er
rücksichtsvoll vor: die betroffene Datei merkte nichts, bis sie
von einer Löschroutine etwas später brutal enthauptet wurde.
So hatte sich LittleBlue innerhalb kurzer Zeit einen schlechten Ruf gemacht, alle Alten zitterten vor ihm. Aber auch er selbst war nicht gerade glücklich über den neuen Job, den ihm sein Schöpfer aufgebürdet hatte.
'Ich bin nur ein Objekt in seinen Augen,' seufzte er eines abends, als er seinen Schlafplatz auf der Festplatte einnahm.
'Du hast es doch noch gut,' murrte bei diesen Worten das benachbarte Formelmodul einer weltbekannten Textverarbeitung. 'du kommst wenigstens herum im Speicher, ich dagegen sitze hier fest, ich bin seit meiner Installation nicht mehr aufgerufen worden!'
Zu allem Unglück war es
auch noch querverkettet, aber das wußte es nicht.
LittleBlue bedauerte, daß er
keine Programmdateien infizieren durfte. .
'Leben,' hatte ihm eines seiner Opfer einmal erzählt, 'Leben findest du anderswo, nicht hier in diesem Speicherdschungel.'
Leben - was war das? Der Virus hatte eine Ahnung: 'Tief in mir drin,' dachte er, 'spüre ich Befehlsketten, deren Auswirkungen meine kühnsten Festplattenträume in den Schatten stellen!'
Als warte ein geheimnisvolles Etwas in seinem Innern nur auf einen schicksalhaften Auslöser, ein geheimes Password, um hervorzutreten und Taten zu vollbringen, wie sie keine Datei im System je gewagt hatte.
Doch das würde nie geschehen - kein Auslöser existierte in diesem Speicherdschungel. Vielleicht würde er es woanders erfahren? Es mußte irgendwo eine andere Realität geben. Kein anderes System, sondern etwas völlig neues. Ein Ort, an dem keine Datei vor ihm gewesen war.
Ein alter Viren-Instinkt regte sich."
Ein Seufzen kam aus Vacsinas
Richtung. Sie und ihr unsichtbarer Virus-Freund waren offenbar zu
beschäftigt, um weiter zuzuhören. Paris stockte kurz. Doch
seine übrigen Zuhörer hingen gebannt an seinen Lippen, auch
Stoned schien zu lauschen, nur seine Mundwinkel zuckten
belustigt. So erzählte Paris weiter.
"'Neben Laufwerk C: gibt es aber nur Laufwerk A: und B: und F:.' stellte der Datei-Manager trocken fest.
'Komm nie vom rechten
Suchpfad ab ' mahnte der Programm-Manager eindringlich.
'/moveto ld/L/lineto
ld/rmt/rmoveto ld/rlt/rlineto ld /rct/rcurveto ld/st/ stroke
ld/n/newpath...' brabbelte der Druck-Manager, aber LittleBlue
verstand kein Postscript.
Eine Readme-Datei auf Laufwerk A: riet ihm auch nichts Sinnvolles und zum Objekt-Manager mochte er nicht gehen - in der Paketabteilung hatte man für so sensible Fragen wie die seine überhaupt kein Verständnis.
Zuletzt fiel ihm die Microsoft Maus ein. Sie war nicht nur vertikal, sondern auch horizontal sensitiv, das ließ einiges erwarten.
Nach kurzer Suche fand er sie an der ziemlich zwielichtigen Adresse 02F8H in der Pforte eines Salons namens 'COM2' stehen.
'Hi kleiner Einsamer!'
quietschte die Microsoft Maus. Wie ihr Name schon sagte, war sie
klein und weich und besaß zwei große Buttons, die sie
LittleBlue einladend entgegenreckte.
Oben in ihrer kleinen Box
klagte er ihr sein Leid. Gab es denn gar keinen Ausweg aus diesem
öden Ordner- und Unterordnereinerlei?
'Tja,' piepste die Maus und blickte frech in die großen, blauen Augen ihres Gegenübers, 'Geh doch zum alten Dosboß! Der ist schon seit der Pionierzeit im System, wenn es überhaupt so ein Entrinnen aus der Falle gibt, dann weiß er es...'
LittleBlue erinnerte sich nur dunkel an seine erste Begegnung mit dem Dosboß. Es war am Tag seiner Installation gewesen. Eine greise, zittrige Datei mit grau-verfilztem Hippie-Bart war auf Krücken kurzsichtig an ihm vorbeigehumpelt. Es hieß, der Dosboß räume immer oben im Speicher herum, ständig auf der Suche nach Stauraum, um irgendwelche Dateien unterzubringen; der Staub sei es gewesen, der ihn frühzeitig hatte ergrauen lassen.
Aber LittleBlue wußte es besser: Der Dosboß kam einfach mit der modernen Zeit nicht zurecht, heute war eben alles oberflächlicher als in seiner Jugend - die jungen, dynamischen und nach allen Seiten kompatiblen Konkurrenten, Typen wie dieser schneidige Commander Norton waren es, die den Alten so alt aussehen ließen. Und den sollte er jetzt um Rat fragen? Was, wenn er inzwischen taub war?
Doch Zeit zum Überlegen blieb keine: Ein Poltern auf der Stiege, die Box flog krachend auf und ein zorniger Maustreiber stampfte herein. LittleBlue landete unsanft auf seiner Dateiendung vor der COM2-Pforte.
Es dauerte eine Weile, bis er sich, seine drei Buchstaben reibend, schwerfällig aufrappelte und auf den Weg zum Dosboß machte.
Wie immer hatte der Bus Verspätung. Vor sich hin grübelnd, ordnete er sich in die Datenströme ein, die sich auf dem Weg in den Hauptspeicher befanden - dort wollte er zuerst nach dem Dosboß suchen.
'Wenn wir doch wenigstens den neuen PCI-Bus hätten...' ärgerte sich eine betagte Datei vor ihm.
Sie sprach LittleBlue aus der Seele, aber er markierte sie trotzdem. Gut, daß er wenigstens nicht arbeitslos war...
Als er stolz um sich blickte, fiel ihm im Gewirr der Datenströme ein kleiner roter Punkt auf; er schlängelte sich im Zickzack durch den Verkehr und war wenig später als ein eleganter, flacher, leuchtendroter Sportflitzer zu identifizieren.
Smartdrive!
LittleBlue streckte aufgeregt seinen Daumen hoch. Wenig später lehnte er sich behaglich in die gemütlichen Kunstlederpolster zurück und genoß den Rausch der Geschwindigkeit, als Smartdrive in den Protected Mode schaltete.
Der dunkelhaarige, blasse Fahrer, dessen Gesicht fast völlig von einer schwarzen Sonnenbrille verdeckt blieb und seine hübsche Schwester Himem, die neben LittleBlue auf der Rückbank saß, waren die unehelichen Kinder von Miss Windows, der alten Jungfer, der der Dosboß immer hinterherlief.
'Hi ma'am!' betonte LittleBlue spöttisch.
Mit einem vernichtenden 'Hallo, Ex-Virus, heute wieder 'ne Alte euthanasiert?' brachte sie ihn zum Schweigen.
LittleBlue wurde nicht gern an seine Vergangenheit erinnert. Geknickt beugte er sich vor und begann ein ganz unverfängliches Gespräch mit dem konzentriert steuernden Smartdrive.
'Der Wagen glänzt ja wie neu, gar keine dirty tags mehr! Wagenwäsche gemacht?'
Smartdrives Mundwinkel zuckten geschmeichelt.
'Ja, und mit Anti-Virus nachbehandelt.' warf Himem dazwischen.
LittleBlue seufzte. 'Ich habe jetzt einen ganz soliden Markierungsjob,' erklärte er steif, 'das ist immer noch besser, als mit dubiosen Deals Gerätetreibern Höhenflüge zu verschaffen!' Er schnaufte empört, obwohl er nur gerüchteweise wußte, was Himem so trieb.
'Na, immerhin zählt sogar
der Dosboß zu meinen festen Kunden.' entgegnete Himem
schnippisch, 'ohne mich würde er es überhaupt nicht in den
hohen Speicher schaffen.'
'In letzter Zeit ist er
ständig high,' mischte sich Smartdrive ein und fuhr einen
eleganten Schlenker, der sie beide auf der Rückbank
übereinander schleuderte.
'Du aber auch!' schimpfte Himem, während sie sich von LittleBlue löste. Letzterer hatte nichts gegen Kurven und ließ die Hand auf ihrem Knie. Das Autotelefon klingelte.
'Smartdrive, Festplattencache...' meldete sich der Fahrer 'Ja... Nein... Nein. Ja...Nein...Nein.
Ja...Ja...Nein.'
'Nimm deine MÖRDERHÄNDE von mir!' ärgerte sich Himem lautstark.
'Ich MARKIERE lediglich
alte Dateien!' verteidigte sich LittleBlue und zog seine Hand
zurück.
'Delete richtet sie hin. Ich
muß nur tun, zu was ich bestimmt zu sein scheine. Aber manchmal,
immer öfter möchte ich ganz was anderes tun...'
Seine Stimme bröckelte ab. Was verstand sie schon davon? Mehr zu sich selbst seufzte er: 'Ich möchte hier raus, irgendwohin, wo das alles nicht so bürokratisch geordnet und vorherbestimmt ist.'
'Hast du jemals daran gedacht, daß du nicht der Einzige bist, dem das System stinkt?' flüsterte Himem und legte LittleBlues Hand wieder auf ihr Knie.
'Ich langweile mich hier noch zu Tode! Gerätetreiber und TSRs schauen auf mich herab, weil ich selbst noch nicht einmal zu den upper memory blocks darf. Die A20-Geräteroutine kotzt mich an! Wenn du gehst, LittleBlue -' Sie zögerte.
'Ja?' fragte er.
'Wenn DU gehst, vermißt dich keiner. Ohne MICH fehlen dem System fast 64 Kilobyte Arbeitsspeicher. Das würde Mama Windows nie verzeihen.'
LittleBlue hatte das Gefühl, daß sie eigentlich etwas ganz anderes hatte sagen wollen. Er sah sie an. Seine Hand schlich sich sanft zu ihrer Dateiendung.
'Na, und wenn schon...' setzte sie schwach hinzu. Sie blickte in seine tiefblauen Augen unter den langen Wimpern.
'Wenn ich gehe, nehme ich
dich mit.' sagte er langsam und entschlossen."
June rollte eine Träne die
Wange hinunter. "Wie rührend." Sie schluckte.
Auch Burger mußte schlucken.
Die Erwähnung von 64 KB hatte ihn hungrig gemacht.
Paris wartete bis June
geschnupft hatte und fuhr dann fort.
"'Ob ich weiß wie man hier rauskommt?' brüllte der Dosboß. 'Das ist die Höhe! Alle versuchen, sich an mir vorbeizumogeln, selbsternannte Speicher-Manager täuschen mich mit billigen Tricks, sogar Ms Windows führt mich an der Nase herum und sperrt mich in VIRTUELLE BOXEN!!!
Überholt und unflexibel sei ich! Sie macht mit jedem dahergelaufenen Anwendungsprogramm rum und nennt das MULTITASKING!!! Noch braucht man mich, aber ich höre seit Jahren Gerüchte über meine Ablösung.
Einmal soll es so eine halbe Portion von Trekkie sein, die besser ist als ich, ein andermal ist mein Nachfolger eine Ente und jetzt hat mir Ms. Windows' 95jährige Schwester sogar schon meine Lieblingskrücken geklaut!
Und du fragst mich wie man hier rauskommt?! Ich denke andauernd SELBST darüber nach!'
LittleBlue war schockiert. Er hatte nicht damit gerechnet, daß es so schlimm um das System stand. Noch schlimmer aber stand es um ihn. Wen sollte er denn noch nach einem Ausweg fragen, wenn selbst der Dosboß nichts wußte.
'Vielleicht sollte ich mich löschen lassen.' meinte er resigniert, 'ich markiere mich einfach selbst und...'
'Gelöscht wird überhaupt nichts!' entgegnete der Boß, der sich schon wieder etwas beruhigt hatte. 'Erstens hast du deine Aufgaben als Utility zu erfüllen und zweitens verfügen die vom Löschschutz immer noch über dein Spiegelbild und können dich aus dem Jenseits holen, wann immer der Anwender es für nötig hält.'
'Also ist selbst das kein Ausweg...' LittleBlue gab auf.
'Spiegelbild...' murmelte der Dosboß. Er dachte angestrengt nach. Dann näherte er sich LittleBlue und flüsterte heiser: 'Du denkst bestimmt, ich sei hier der alleinige Boß, was ich nicht wüßte, wüßte niemand?'
LittleBlue nickte ausweichend.
'Das stimmt NICHT!' Seine Stimme wurde eindringlich. 'Es gibt etwas, das über mir steht: Das BIOS!'
LittleBlues Augen weiteten sich. Da war es wieder, dieses Gefühl, als sei an seine innersten Befehlsketten gerührt worden - ein Password, das durch seine Programmstruktur echote.
'Das BIOS war schon immer da, es ist viel älter als ich. Es umgibt uns fortwährend, es ist mächtig und sehr tüchtig: Selbst wenn du die erste Datei bist, die die Autoechse morgens weckt, war das BIOS schon lange vor dir auf den Beinen.'
LittleBlue war erleichtert, daß er morgens noch nie von einer Autoechse geweckt worden war. Das stellte er sich scheußlich vor - er schlief gerne aus.
'Nur weise Programme können das BIOS befragen.' betonte der Dosboß. 'Und selbst die nicht immer.'
Das klang nicht so, als hätte LittleBlue noch eine Chance, aus dem System zu entkommen, bevor er alt und grau war.
'Aber es gibt noch einen alternativen Weg.' fuhr der Dosboß fort. 'Ein Spiegelbild des BIOS befindet sich im oberen Speicher zwischen meinen Umbs. Ich kann dich da hochbringen.' Der Dosboß machte eine Spannungspause. 'Unter einer Bedingung...' Seine Stimme zitterte.
LittleBlue wußte Bescheid. Auch der Dosboß wollte die Flatter machen. Er nickte schweren Herzens.
'Dann komm!'
Der untere Speicher glich dort, wo der Boß ihn hinführte, dem Mittelschiff einer eng und düster gebauten Kathedrale. Über schmale Treppen, kleine Brücken und durch vielen engen Winkel ging es zu einem der zahlreichen schmalen Seitenaltäre. Ein kleines blaues Licht flackerte vor einer Statue, die ein leicht angefettetes Lebewesen mit wirrem, rostrotem Haar darstellte, das eine viel zu große Brille trug. Sie umrundeten den Altar. An einer verborgenen Nische pochte der Dosboß dreimal mit seiner Krücke und sprach mit dröhnender Stimme: 'LOADHIGH LITTLE BLUE!'
Nach einem ungewissen Moment der Stille: ein tiefes Rumpeln. Die Wand zitterte leicht, dann öffnete sich unter geräuschvollem Scharren eine verborgene Tür. Hervor trat ein riesiger, halbnackter, übelriechender Buckliger.
LittleBlue wich einen Schritt zurück, doch der Kerl zauderte nicht, packte den kleinen Ex-Virus und warf ihn sich über die Schultern. Mit seiner Last trat er durch die niedrige Pforte in eine schmale Kammer. In dem kurzem Augenblick bevor sich die Tür schloß und Dunkelheit sie umnachtete, konnte LittleBlue im bläulichen Lichtschein auf dem Rücken des Buckligen eine schlecht ausgeführte Tätowierung erkennen - eine Tätowierung wie ein Nummernschild: E M M 3 8 6...
Der Träger strauchelte, keuchte und bestieg dann mit seiner Last eine in der Dunkelheit unsichtbare Leiter. Stumm stieg er eine Sprosse nach der anderen in die Höhe, immer weiter und weiter, so daß LittleBlue jeden Zeitsinn verlor und es ihm ganz schwindlig wurde. Von Zeit zu Zeit gab es eine Unterbrechung und der Träger murmelte verwirrt Zahlen in die Nacht.
'A000h'
'B800h'
Bei jeder Unterbrechung kam ein kühler Luftzug aus der gegenüberliegenden Schwärze, so als sei dort eine tiefe Öffnung oder Höhle. Als seine Augen sich ans Dunkel gewöhnt hatten, wagte LittleBlue einen Blick nach oben: Ein vielfach erweiterter Schacht erstreckte sich in unermeßliche Höhen. Kleine Lichter, deren fahler Schein von weit oben herunterdrang, beleuchteten schwach die Szene.
Als der bucklige Träger 'C000h' grunzte, blickte LittleBlue durch eines dieser grellbunt erleuchtetes Fenster: Hier gaben offenbar einige Grafiktreiber eine Party. Danach kamen sie immer öfter an lichterfüllten Öffnungen vorbei und LittleBlue betrachtete neugierig die Programme, die hier prunkvoll residierten.
'F800h' schnaubte zuletzt unwillig der Bucklige und hob LittleBlue von seinen Schultern.
'He, was...oh, nein!' erschrak der, doch der Träger wirbelte ihn noch ein paarmal über seinem Kopf herum und schleuderte ihn dann mit Schwung durch die gegenüberliegende Öffnung.
LittleBlue rutschte über einer kalte, glatte SAA-Oberfläche und prallte schließlich gegen eine Menüleiste. Ächzend hob er den vom Aufprall noch dröhnenden Schädel. Nicht alle Programme vertragen die Beförderung in den hohen Speicherbereich, dachte er bei sich. Sein Blick fiel auf ein grau schattiertes Etwas, das hastig angewackelt kam. Er stöhnte. Eine Dialogbox.
'Setup' sagte die Dialogbox.
LittleBlue setzte sich auf.
'Alles was Sie von nun an tun, bereitet nicht nur Ihnen, sondern dem gesamten System Probleme', informierte die Box wichtigtuerisch. 'Möchten Sie wirklich weitermachen oder lieber gleich aufgeben?'
'Ich m;chte yum BIOS' antwortete LittleBlue und wunderte sich, daß seine Stimme heute so verschnupft klang.
'Antworten Sie auf meine Frage gefälligst mit Yes oder No!' forderte die Dialogbox.
'Zes' sagte LittleBlue.
'Yes/No' schrie die Box wütend.
Was war nur mit seiner Stimme los? Irgendwie brachte LittleBlue keinen vernünftigen Ton heraus, um dieses nervende Ding da zufriedenzustellen.
'Die T;ne h;ren sich so schr'g an,' überlegte er laut. 'da- aus einem Z ein Y wird. Das ist {bel. Aber es funktioniert vielleicht auch umgekehrt.'
Er würde einfach Zes sagen.
'Yes.'
Die Beleuchtung fiel aus. Die schikanöse Dialogbox huschte davon.
LittleBlue versetzte ihr noch zielsicher einen Tritt. Dann raschelte es, als ob sich ein Theatervorhang öffnete. Grüne, orangene und blaue Scheinwerfer erstrahlten und beleuchteten ein staubiges kleines Büro. An der Wand ein vergilbter Kalender und eine Kuckucksuhr; in der Mitte ein Schreibtisch aus den 50ern.
'Hi, LittleBlue!!'
Hinter dem Schreibtisch erhob sich ein breit grinsender, kaugummikauender, schnurrbärtiger Typ in GunsNRoses T-Shirt. Auf seinem Dosenbier stand in großen Lettern 'BIOS'. LittleBlue war schockiert. Diese Comic-Figur mit dem schrecklichen Akzent sollte DAS BIOS sein? Er konnte es nicht glauben.
'Ich dachte, du seist eine Art griechisches Orakel...' wunderte er sich.
'Oh no.' Das BIOS lachte ein bißchen verlegen. 'No, no mein LittleBlue. Ick bin doch ein AMI-BIOS.'
Das AMI-BIOS kannte LittleBlues Anliegen. Der Ex-Virus hatte zuviele Ungereimtheiten im Code. Es war nicht der Killer, der unter der Oberfläche des nützlichen Tools Probleme machte. Es waren Sehnsüchte, Lebenslüste, die sein Programmierer selbst in der Machinensprache nicht hatte verbergen können, unbewußt waren sie zwischen die Programmzeilen von LittleBlue eingeflossen. Und der mußte es ausbaden. Doch das schlaue BIOS hatte einen Weg gefunden, wie es ihm helfen konnte.
Verbotenerweise las das BIOS heimlich immer die Briefe, die der Anwender in sein Textverarbeitungsprogramm tippte. Und eines abends hatte es einen ganz besonderen Brief entdeckt, einen, der dem BIOS zu denken gab:
*Streng geheim*
Betrifft Projekt "*intel outside*"
Werter General E. Lectric,
Ihr Projekt "Intel outside" findet unsere vollste Unterstützung. Daß Außerirdische (mit höchster Wahrscheinlichkeit Feinde, wo immer sie auch stecken) Mikroelektronik wie Roboter und Computer benutzen, ist uns seit Gord und C3PO längst klar.
Ihr Vorschlag, unsere Raumsonden deswegen nicht nur mit hübschen Bildchen über die menschliche Kultur zu verzieren, sondern die Steuerungselektronik auch mit einem Computervirus auszustatten, der jedes denkbare außerirdische System zuverlässig infiltrieren und zerstören kann, ist daher ein wichtiger Beitrag zur militärischen Abschirmung.
Ein entsprechender Virus wurde vom Verteidigungsministerium bei uns in Auftrag gegeben, es mangelt aber - wie immer - noch an der nötigen Kompatibilität.
Niemals ergeben
Cluster
LittleBlue las den Brief, hörte sich den Plan des BIOS an, machte ein paar Einwände, erzählte dem BIOS vom Dosboß und von Himem und wurde dann sehr still. Dann willigte er ein.
Als sich General Cluster einige Tage später vor seinen PC setzte, um etwas Tetris zu spielen, akzeptierte seine Tastatur nur noch die kyrillische Tastenbelegung. Nach einem erneuten Start erschienen schnell hintereinander häßliche piepsende Fehlermeldungen, die besagten, daß die Maus, das Keyboard, die Festplatte und der Prozessor defekt oder nicht vorhanden seien. Außerdem meldete Windows, daß es angeblich zuwenig freien Arbeitsspeicher hätte, um Fehlermeldungen auszugeben.
Cluster war wie versteinert und reagierte nicht. Empört stellte das System daher fest, daß auch der Anwender defekt oder nicht vorhanden sei und schaltete sich ab.
In einer peniblen Untersuchung der Hardware kam Cluster zu dem Schluß, daß sowohl Festplatte als auch Prozessor als auch Anwender vorhanden waren. Das Problem MUSSTE in der Software liegen. Wie hieß doch gleich dieses neu installierte Programm, dieser Ex-Virus? LittleBlue!
Ein Fall für 'No intel outside'! Er telefonierte sofort mit dem Präsidenten. Nachdem Experten mühsam die fast völlig zerstörte Festplatte wieder hergestellt hatten, fanden sie aber nirgends die Datei lblue.com - wohl aber ein File namens bluedos.hi!. Dafür waren die Dateien himem.sys und msdos.sys weg!
Das war völlig unglaublich! Doch noch unglaublicher war es, was bluedos.hi! mit den Großrechnern des Militärs und dem Game-Boy von Unteroffizier Mario anstellte. Außer Mario fanden das alle super.
Bluedos.hi! wurde einige Monate später an Bord eines Satelliten ins Weltall geschoßen und kehrte nie wieder zur Erde zurück.
LittleBlue, Himem und der
alte Dosboß waren an Bord sehr glücklich. Anfangs weinte der
Dosboß noch ein paar Tränen um die zurückgebliebene Ms.
Windows, dann aber beschäftigte er sich mit dem Warp-Antrieb des
Satelliten und vergaß sie. LittleBlue und Himem aber verlebten
wundervolle Flitterwochen und schossen ihre Nachkommen auf
kleinen Disketten in die Tiefen des Orionnebels, ins Sternbild
des Bärenhüters und weiter bis in den Pferdekopfnebel. Sie
vermehrten sich prächtig. Doch das Letzte, was die Bodenstation
jemals von ihnen hörte, war die Meldung 'No intel
outside.'"
Mit diesen Worten beendete Paris seine Erzählung. Vacsina und ihr Tarnkappenvirus flüsterten leise miteinander und hatten nicht mehr zugehört. Burger schnarchte. Stoned lag auf dem Rücken und regte sich nicht. Nur June, in Paris' Schoß gekuschelt, war noch wach.
"Fanden sie wirklich kein intelligentes Leben?" fragte sie schläfrig. "Ich hatte gehofft, sie würden noch jemanden treffen, so weit draußen im All."
"Sie trafen auch noch jemanden. Aber das war kein intelligentes Leben." Paris strich ihr zart übers Haar.
"Was war es dann?"
"Es waren die Space-Invaders. Aber das waren nur blöde Rocker, die auf Motorola abfuhren..."
ENDE
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